Ein Velo zu überholen, scheint auf den ersten Blick ein ganz gewöhnliches Manöver zu sein. Für die Person auf dem Velo können jedoch wenige Dutzend Zentimeter den entscheidenden Unterschied machen. Ein Fahrzeug, das zu nahe vorbeifährt, kann ein Gefühl der Gefahr auslösen, zu einem abrupten Ausweichmanöver oder sogar zu einem Sturz führen. Und die Zahlen zeigen: Das Problem ist keineswegs marginal.

In der Schweiz schreibt das Gesetz derzeit vor, beim Überholen einen «ausreichenden Abstand» einzuhalten, ohne genau festzulegen, was dieser Abstand bedeutet (Art. 24 Abs. 4 SVG). Gleichzeitig haben mehrere Länder einen klaren Mindestabstand eingeführt, häufig 1,5 Meter, und sensibilisieren die Verkehrsteilnehmenden für diese Regel.
Für PRO VELO ist die Feststellung einfach: Es muss gehandelt werden!
Noch immer zu knappes Überholen
Die verfügbaren Daten zeigen, wie wichtig das Problem ist. Gemäss der BFU stehen Überholsituationen bei rund 9 % der Unfälle mit schwerem Personenschaden im Zusammenhang mit Velofahrenden. Die BFU weist zudem auf das erhebliche Gefahrenpotenzial hin, wenn beim Überholen der seitliche Abstand zu gering ist.
Eine aktuelle Studie des VCS, die gemeinsam mit der Ostschweizer Fachhochschule (OST) in sieben Schweizer Städten durchgeführt wurde, bestätigt, dass beim Überholen noch immer häufig zu wenig Abstand gehalten wird. 79 % der gemessenen Überholvorgänge erfolgten mit einem Abstand von weniger als 1,5 Metern und 34 % mit weniger als einem Meter. Der durchschnittlich gemessene Abstand betrug 1,2 Meter. Mit anderen Worten: Bei rund acht von zehn Überholvorgängen wird der Abstand unterschritten, den der VCS als notwendig für ein ausreichend sicheres Überholen erachtet.
Ein Velo ist jedoch kein unbewegliches Objekt. Velofahrende müssen möglicherweise einem Schachtdeckel, einem Schlagloch, einer Autotür oder einem Gitter ausweichen oder einfach ihre Fahrspur leicht korrigieren. Auch Wind oder durch ein Fahrzeug verursachte Luftverwirbelungen können das Gleichgewicht beeinträchtigen.
Der Sicherheitsabstand muss deshalb entsprechend bemessen sein.

Überholabstände messen: eine komplexere Aufgabe, als es scheint
Man könnte meinen, es genüge, einige Velos mit einem Sensor auszustatten, um eine definitive Antwort zu erhalten. In Wirklichkeit sind Studien zu Überholabständen nach wie vor relativ selten und methodisch anspruchsvoll.
Um belastbare Ergebnisse zu erhalten, braucht es insbesondere eine grosse Zahl von Überholvorgängen unter vergleichbaren Bedingungen: gleicher Strassentyp, ähnliche Fahrbahnbreite, vergleichbare Geschwindigkeit, ähnliche Verkehrssituation usw.
Messgeräte wie der OpenBikeSensor, mit denen sich der Abstand zwischen dem Velo und dem überholenden Fahrzeug messen lässt, eröffnen interessante Möglichkeiten. Die Ergebnisse können jedoch auch vom Verhalten der Velofahrenden, ihrer Position auf der Fahrbahn, ihrer Kleidung oder davon abhängen, wie die Autofahrenden die Person auf dem Velo wahrnehmen. Genau das macht den Vergleich zwischen verschiedenen Studien schwierig.
Die Arbeiten von Ian Walker in Grossbritannien zeigen diese Komplexität deutlich. Seine Studie aus dem Jahr 2007, die auf einem mit einem Messgerät ausgestatteten Velo basierte, zeigte unter anderem, dass das Tragen eines Helms mit geringeren Überholabständen verbunden war. Eine 2013 veröffentlichte Neuanalyse fand jedoch keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Tragen eines Helms und Überholvorgängen mit weniger als einem Meter Abstand. Stattdessen zeigte sie insbesondere die Bedeutung von Faktoren wie der Position der Velofahrenden im Verhältnis zum Fahrbahnrand und dem Fahrzeugtyp.
Eine Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Die Sicherheit darf nicht allein vom Aussehen oder Verhalten der Velofahrenden abhängen. Ein Helm, eine reflektierende Weste oder eine bestimmte Kleidung können keine geeignete Infrastruktur und klare Verkehrsregeln ersetzen.
Schweiz: eine allgemeine Regel, aber keine konkrete Zahl
Heute verlangt die Schweizer Verkehrsregelung von Autofahrenden, beim Überholen einen ausreichenden Abstand einzuhalten. Diese Formulierung lässt einen beträchtlichen Interpretationsspielraum: Was ist ein ausreichender Abstand? 80 Zentimeter? 1 Meter? 1,5 Meter? Für Velofahrende ist die Antwort nicht theoretisch. Der Unterschied zwischen einem Fahrzeug, das mit 80 Zentimetern Abstand vorbeifährt, und einem, das 1,5 Meter Abstand hält, ist unmittelbar spürbar.
Mehrere Länder haben sich dafür entschieden, eine konkrete Zahl festzulegen. In Frankreich gilt beispielsweise seit 1958 ein Mindestabstand von 1 Meter innerorts und 1,5 Metern ausserorts.
Auch in anderen Ländern und Regionen findet sich diese Entwicklung, unter anderem in Portugal, Spanien, England sowie in verschiedenen US-amerikanischen und australischen Rechtsgebieten.
Spanien geht sogar noch weiter: Ab dem 1. Oktober 2026 muss beim Überholen eines Velos ausserorts die Geschwindigkeit um mindestens 20 km/h unter der zulässigen Höchstgeschwindigkeit liegen. Auf einer Strasse mit einer Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h darf ein Fahrzeug ein Velo somit mit höchstens 70 km/h überholen.
Solche Regeln haben auch eine pädagogische Funktion. Wenn ein Mindestabstand gesetzlich festgelegt ist, wissen Autofahrende, welches Verhalten von ihnen erwartet wird. Die Regel wird zu einer gemeinsamen Orientierung statt zu einer persönlichen Einschätzung.
Eine Frage, die bereits im Parlament gestellt wurde
Die Frage ist in der Schweiz keineswegs neu. 2017 hatte Nationalrat Matthias Aebischer (damals Präsident von PRO VELO Schweiz) den Bundesrat zur Verbesserung der Sicherheit beim Überholen von Velofahrenden befragt. 2018 reichte auch Rocco Cattaneo eine Motion zu diesem Thema ein.
Diese Vorstösse zeigen, dass das Problem bereits seit mehreren Jahren auf Bundesebene erkannt wird. Trotzdem gibt es in der Schweiz noch immer keinen gesetzlich festgelegten Mindestabstand.
Zehn Jahre nach den ersten parlamentarischen Vorstössen ist es an der Zeit, aus dieser Erkenntnis eine klare Regel zu machen.
Sensibilisierung ist notwendig, reicht aber nicht aus
Einen Mindestabstand gesetzlich festzulegen bedeutet natürlich nicht, dass die Polizei jedes Überholmanöver auf den Zentimeter genau messen kann. Eine Regel hat auch eine präventive Funktion: Sie macht klar, welches Verhalten erwartet wird. Prävention muss jedoch durch konkrete Massnahmen ergänzt werden.
Kampagnen wie « Abstand ist Anstand » können dazu beitragen, das Problem bekannt zu machen und das Verhalten zu verändern. Gleichzeitig müssen Überlegungen zu Lösungen weitergeführt werden, die den für das Überholen notwendigen Raum sichtbar machen, beispielsweise durch Bodenmarkierungen, eine spezifische Signalisation oder – wenn die Bedingungen es erfordern – ein Überholverbot.
Der «holländische Griff», bei dem die Autotür mit der gegenüberliegenden Hand geöffnet wird, sodass sich der Oberkörper automatisch dreht und herannahende Velofahrende besser gesehen werden, folgt derselben Logik: Das Verhalten soll sicherer werden, indem Velofahrende in die alltäglichen Verkehrsgewohnheiten integriert werden.
Prävention kann jedoch nicht alle Probleme lösen. Von Velofahrenden kann nicht erwartet werden, dass sie durch ihr Verhalten eine Strasse kompensieren, die ihnen nicht genügend Platz lässt.
Welche Lösungen gibt es?
Der beste Weg, ein gefährliches Überholmanöver zu vermeiden, besteht manchmal darin, es gar nicht erst zu ermöglichen. Auf bestimmten Strecken, insbesondere auf schmalen oder stark befahrenen Strassen, muss deshalb geprüft werden, in welchen Situationen das sichere Überholen eines Velos schlicht nicht möglich ist.
Für Gemeinden und Kantone gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- sichere Veloverbindungen umsetzen, insbesondere indem wenig befahrene Strassen bevorzugt werden, wenn sie zusammenhängende Velorouten ermöglichen;
- in Regionen, in denen Strassen sowohl von landwirtschaftlichen Fahrzeugen als auch von Velos genutzt werden, mit der Landwirtschaft zusammenarbeiten;
- die Geschwindigkeit reduzieren, insbesondere auf Strecken, auf denen häufig überholt wird;
- ausreichend breite Velostreifen erstellen, insbesondere bergauf, wenn es die vorhandene Strassenbreite erlaubt;
- die in der SSV vorgesehenen Velopiktogramme verstärkt einsetzen, insbesondere das Symbol «Velo», um auf die Präsenz von Velofahrenden hinzuweisen und deren Position auf der Fahrbahn zu legitimieren;
- und wenn die Strassenbreite kein sicheres Überholen erlaubt, eine Verkehrsführung wählen, die Autofahrende dazu bringt, zu warten, anstatt sich vorbeizuzwängen.

Quelle: Dauphiné libéré
Und wenn die Fahrbahn für Autos bewusst schmaler wäre?
Eine Idee mag zunächst kontraintuitiv erscheinen: Bei bestimmten Strassenquerschnitten ist es sinnvoller, dem Velo mehr und dem Auto weniger Platz zu geben, statt zu versuchen, zwei komfortable Autospuren mit einem symbolischen Velostreifen zu kombinieren.
Die Ergebnisse des D-A-CH-Forschungsprojekts gehen in diese Richtung. Wenn die verfügbare Breite begrenzt ist, kann eine schmalere mittlere Fahrbahn für den motorisierten Verkehr in Kombination mit einem ausreichend breiten Velobereich zu sichereren Überholvorgängen beitragen.
Damit verändert sich die Fragestellung. Statt zu fragen: «Wie können Autos Velos immer überholen?», sollte man manchmal fragen: «Wie muss eine Strasse gestaltet sein, damit Autos Velos nur dann überholen, wenn die Bedingungen dies zulassen?»
Für eine einfache Schweizer Regel: 1,5 Meter
Die Einführung eines Mindestabstands von 1,5 Metern im Schweizer Recht wird allein nicht alle Sicherheitsprobleme beim Velofahren lösen. Sie wäre jedoch ein wichtiger Schritt.
Sie würde den Autofahrenden eine klare Orientierung geben. Sie würde die Erwartungen vereinheitlichen. Sie würde Sensibilisierungskampagnen erleichtern. Und vor allem würde sie ein einfaches Prinzip festhalten: Wenn ein Fahrzeug eine Person auf dem Velo überholt, muss es ihr einen echten Sicherheitsabstand lassen.
Die Lösung ist daher bekannt: eine Kombination aus Regeln, Sensibilisierung und geeigneter Infrastruktur. Das Velo braucht keine Privilegien. Es braucht Platz und klare, vorhersehbare Regeln. Und wenn nicht genügend Platz für ein sicheres Überholen vorhanden ist, ist die richtige Entscheidung einfach: Man wartet.



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